Vom Zutriftsee über die Zufallhütte zum Fuß der Butzenspitze

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Gebiet Vinschgau (Italien/ Südtirol)
Startpunkt P unterhalb der Enzianhütte (1950 m)
höchster Punkt 3200 m
Gesamtanstieg 1250 Höhenmeter
Gesamtstrecke 6:00 h
Anspruch einfach (T2, Bergwandern)
Datum 22.08.2007 (Mi.)
Route P unterhalb der Enzianhütte (1950 m) Enzianhütte (2050 m) Zufallhütte (2056 m) Fuß der Butzenspitze (3200 m) Zufallhütte (2056 m) Parkplatz

 

 

Bild 1:

Mitte August erschien mir eine gute Zeit für einen Wanderurlaub, insbesondere um einige Touren im Hochgebirge durchzuführen. Diesmal sollte es nach Südtirol, in die vom Langlaufen her altbekannte Gegend um Mals und bis hinunter nach Meran, gehen. Leider war die Rechnung ohne die altbekannte Statistik gemacht, dass der August in unseren Breiten ein zwar recht warmer, aber eben auch der niederschlagssreichste Monat des Jahres ist.

Im Gegensatz zu vielen anderen Langfristprognosen behielt der Wetterfrosch leider diesmal Recht. Regen machte alle ausgedachten Pläne zunichte. Erst für Mittwoch war in Südtirol besseres, wenn auch nicht gutes Wetter angesagt. Wenigstens wollte ich zu diesem Termin schon vor Ort sein und nutzte den Vortag für die Anreise und Unterkunftssuche.

Das letztere erwies sich als gar nicht so einfach in der Hochsaison und in Verbindung mit den Schulferien. Überall waren zwar noch einzelne Unterkünfte frei, aber nur für Paare - Einzelreisende waren zu diesem Termin unerwünscht. So blieb nichts anderes übrig, als auf den Campingplatz (hier: bei Latsch am Eingang des Martelltales) auszuweichen, was sich letztlich aber als die wesentlich flexiblere Lösung erwies.

Am Morgen nach der Anreise stand das Martelltal auf dem improvisierten Programm. Von Latsch aus führt die Anreise per Auto zunächst vorbei an der Burg Obermontani, die den Taleingang überwacht.

Etwa 20 km geht es nun mal gemächlicher, mal steiler aufwärts, vorbei an Beeren- und Sträucherplantagen, für die das untere und obere Martelltal bis hinauf auf 1400 m berühmt ist, denn es kann selbst noch im September Erd- und andere schmackhafte Beeren liefern.

Den Zutriftsee lasse ich hinter mir; dort sowie auf der Enzianhütte gibt es nur gebührenpflichtige Parkplätze. So lasse ich das Auto letztlich kurz vor dem Schlussanstieg zur Enzianhütte einfach an der Straße stehen und gehe zu Fuß weiter.

 

Bild 2:

Nun geht es zunächst, die Serpentinen auf schmalen Pfaden abkürzend, steil hoch zur Enzianhütte. An einer Straßenkehre fällt mir eine anscheinend im Verfall begriffene Holzkonstruktion auf, die um einen Felsen herum führt.

Es handelt sich um die Überreste eines alten Waales, die - wie auch die Levadas auf Madeira - seit Jahrhunderten dazu benutzt wurden, das spärlich vorhandene Nass kontinuierlich und gerecht verteilt auf die dürstenden Felder zu leiten. Dieser Waal wird definitiv nicht mehr benutzt.

 

Bild 3:

Über einen Hang geht es nun hoch zur touristisch geprägten Enzianhütte.

Im hinteren Martelltal ist ein Gletscherlehrpfad eingerichtet, der im Verlauf von etwa 4 - 5 Stunden die wichtigsten Gletscherphänomene anhand lebendiger Beispiele erläutert. Der Rundweg führt bis hoch zur Martellhütte. Und das ist auch der Weg, den einzuschlagen ich zu der Zeit noch beabsichtige.

Den Almweg verlassend führt der Weg nun mäßig steil in die Höhe. Erst vor dem Endanstieg zur Zufallhütte vereinigt sich der Wanderweg wieder mit der immer am Plimabach entlang führenden Fahrstraße. Der gemeinhin genutzte Weg hoch zur Zufallhütte führt auch auf dieser Straße weiter, was mir gar nicht gefällt. Und so überlege ich mir, ob die Zufallhütte nicht auch anderweitig, z. B. über die vor mir liegende Wand erreichbar ist. Und in der Tat, kurze Zeit später erreicht man eine Verzweigung. Die führt zwar offiziell hoch ins Madritschtal, aber nach kurzem Anstieg verzweigt sich der Wanderweg und ein Arm führt, wie gewünscht, nach Süden auf das Plateau, das die Zufallhütte beherbergt. Der Anstieg erfolgt zunächst über ein Wiesenstück, anschließend biegt er ab und überwindet die Felsmauer ungefährlich in der Bildmitte auf einem breiten Felsweg.

Doch zuvor muss noch ein Flüsschen per Holzbrücke gequert werden.

 

Bild 4:

Auf der Ebene angekommen, begrüßt den Besucher eine steinerne Kapelle und ein Häuschen. Dahinter die Mutspitze (2721 m)

 

Bild 5:

Vor der Alpenvereinshütte wacht eine hölzerne Kuh. Wohl kein Danaergeschenk sondern Abstellmöglichkeit für Skier, eine nahe Einkehrmöglichkeit versprechend.

 

Bild 6:

Hier in der Zufallhütte lässt sich trefflich speisen und die gesunkenen Flüssigkeitsreserven auffüllen. Der für den Unbedarften irreführende Name bezieht sich auf die Nähe zu einem Wasserfall; Der offizielle Name der CAI-Hütte (Sektion Mailand) lautet im Übrigen Rif. Nino Corsi, benannt nach einem lokal bekannten Alpinisten.

 

Bild 7:

Nun eröffnet sich bereits der Blick Richtung Talende, wo Schnee und Gletscher dominieren. Hier versteckt sich die Zufallspitze hinterm Nebel.

 

Bild 8:

Von der Zufallhütte führt der Weg ein kleines Stückchen über eine Grasebene, um dann wieder über einen bequemen Saumpfad einen weiteren Felsriegel zu überwinden. In leichtem Bergauf verläuft der Weg weiter bis zu einer Trocken-Staumauer, wo sich der Wanderweg in viele Richtungen aufsplittet.

Die Mauer wurde Ende des 19. Jahrhunderts errichtet, um dem Übermut des Plimabaches bei der Schneeschmelze oder bei heftigen Regenfällen Einhalt zu gebieten.

 

Bild 9:

Nun scheint sich der Himmel etwas aufzuhellen und die Sicht Richtung Westen wird immer klarer. Der Gipfel der Zufallspitze (links, 3700 m) ist nun schon manchmal sichtbar.

Nun muss ich mich entscheiden, welcher Weiterweg eingeschlagen werden soll. Die meisten Mitwanderer queren über die als Weg ausgelegte Krone der Trockenmauer auf die andere Seite der Staumauer und wandern dann im Tal auf der anderen Seite des Plima weiter. Mir scheint dagegen die Richtung "Geradeaus" plausibler. Und so marschiere ich weiter.

Sehr schnell zeigt sich, dass das die falsche Entscheidung war, zumindest dann, wenn das Ziel "Marteller Hütte" weiterhin angepeilt werden sollte. Die Gegend wird immer einsamer und der Weg führt immer mehr nach Westen statt nach Süden.

 

Bild 10:

Ganze Nester an Enzian am Wegesrand

 

Bild 11:

Rückblick mit Plima und Wasserfall, vom Schmelzwasser des Hohenferner gespeist.

 

Bild 12:

Verwitternde Mauer, an die Karrenfelder der Kalkgesteine erinnernd.

 

Bild 13:

Nun geht es langsam, aber stetig nach oben.

Bei einem Blick zurück bemerke ich auf einem Rücken auf der anderen Seite des Plimabaches eine gepflegte Hütte. Nach kurzem Kartenstudium ist klar: es kann sich nur um die gesuchte Marteller Hütte handeln. Nun ist es aber zu spät zur Umkehr, mich reizt mehr das gletscherübersäte Talende.

 

Bild 14:

Immer weiter westwärts geht´s also!

Hier rückt die Gletscherzunge des Langenferner (unterhalb der Suldenspitze) ins Visier.

 

Bild 15:

Nun befinden wir uns bereits auf einer Höhe von 2800 m, in der wir die normale alpine Vegetation schon hinter uns gelassen haben und nur noch spärlich bewachsenes felsig-steiniges Gelände vorfinden.

Obwohl in keiner Wanderkarte eingezeichnet, verläuft hier ein Wanderweg in dieses wenig bekannte Seitental parallel zum Butzental. Der Pfad führt meist über den Kamm der ehemaligen Seitenmoräne des Langenferner, die auf einer Seite steil ins Tal abfällt.

 

Bild 16:

Gebändert.

 

Bild 17:

Nun verlässt der Weg die Seitenmoräne und durchschneidet einen weiten schottergefüllten Talkessel. Ein See bildet den Talschluss. Dahinter steigt die Flanke steil an.

Hier ist auch momentan in etwa die Schneegrenze, was nicht nur das Wandern sondern auch die Orientierung erschwert. Der weitere Wegverlauf ist nun nicht mehr zu erkennen und so muss ich mir die Route für den Aufstieg selbst zusammen suchen. Zum Glück ist der Anstieg nicht so steil, dass dies riskant wäre. Nach einiger Zeit höre ich auch zwei Italiener über die abgebildete Scharte absteigen, die ich von unten als unbezwingbar eingeschätzt hätte. Doch das gibt mir das Vertrauen, dass der weitere Aufstieg machbar und sinnvoll ist. Trotzdem ist der Anstieg sehr beschwerlich und durch die Schneeauflage und den rutschigen, schieferigen Untergrund sehr beschwerlich, oft muss man sogar die Hände zu Hilfe nehmen.

Hier ist der Schlussanstieg schon fast geschafft! Nun gibt es auch schon wieder einige schneefreie Passagen. Der Grat am rechten Bildrand scheint die Passstelle zu sein, links davon die Eisseespitze (?, 3230 m)

 

Bild 18:

Eisige Kälte - im August!

 

Bild 19:

Endlich Licht am Ende des "Tunnels". In der Tat sieht man von hier aus ins anschließende Tal hinunter.

Es handelt sich um das Suldental, flankiert im Westen von der Ortlergruppe und dem eigentlichen Ortlergipfel. Auf dem eis- und schneefreien Rücken (links) liegt die nur schemenhaft erkennbare Hintergrathütte (2661 m).

 

Bild 20:

dto.

Nicht zu sehen: Oberhalb der Hintergrathütte erhebt sich der Ortler, der momentan sein Haupt noch verhüllt hält. An seiner Flanke der Suldenferner, der eine ganze Reihe von Gletscherzungen zu Tal sendet.

 

Bild 21:

Am Talschluss, unter und neben dem Suldenferner, sitzt auf einem Plateau die rötlich gestrichene Schaubachhütte, daneben die Bergstation der Seilbahn sowie die Liftstation hoch zur Madritschhütte.

 

Bild 22:

Der vermeintliche "Pass" erweist sich als fast unüberwindliche Hürde und eher ein Grat. Der nicht ganz einfache Abstiegsweg zur Schaubachhütte verläuft wohl etwas westlicher. Rechter Hand liegt ein Gipfelchen, das zu erklimmen es sich zu lohnen scheint.

Der Gipfel mit Steinskulptur.

 

Bild 23:

Blick hinüber zum Ortler.

"Mein" Grat ist leicht überwächtet.

 

Bild 24:

Laut Karte gehört diese Gletscherzunge ebenfalls noch zum Suldenferner.

 

Bild 25:

Wächten an der Abbruchkante

 

Bild 26:

Blick hinunter zur eisfreien Seitenmoräne des Suldenferners

 

Bild 27:

Nach Nordosten wird die Schöntaufspitze (3325 m) sichtbar. Ihre Flanke ist mit einem Skilift erschlossen, an der Wegkurve (hier kaum zu erkennen) liegt die Madritschhütte.

 

Bild 28:

Vermutlich die Königsspitze (3850 m)

 

Bild 29:

Schaubachhütte und Liftstation

 

Bild 30:

 

Bild 31:

 

Bild 32:

Die höchste Stelle!

 

Bild 33:

Butzenspitze

 

Bild 34:

Blick auf Sulden

 

Bild 35:

Blick nach Nordwesten. In der vorderen Bildmitte ist auf dem schneefreien, grünen Grat die Tabarettahütte (2538 m) zu erkennen. 500 m darüber auf dem felsigen Grat, schon über der 3000er-Marke, liegt die Payerhütte, von der aus der Ortler (3905 m) in der Nordroute bestiegen werden kann.

 

Bild 36:

Nun geht es endlich weiter hoch zu dem schon erwähnten Gipfelchen.

Dort oben ist es sehr windig und ohne Handschuhe kaum auszuhalten. Schatten und Sonne wechseln einander rasch ab, so dass es noch einigermaßen erträglich bleibt. Trotzdem plädieren die rasch ertaubenden Finger für einen raschen Abstieg, zumal es schon auf 14:00 zugeht.

 

Bild 37:

Gedacht, getan! Nach dem Gipfelsturm quere ich noch den Hang nach Osten, wo nämlich der Abstieg etwas flacher zu verlaufen scheint. Ein Weg ist allerdings immer noch nicht zu erkennen. So ist immer noch ein gutes Gespür vonnöten. Der mit tückischen Schieferplatten belegte Abstiegsweg ist durch die Schneeauflage tückisch und macht eine hohe Aufmerksamkeit erforderlich.

Trotzdem bleibt gelegentlich Zeit sich umzublicken. Beim Blick nach Südwesten weiß ich plötzlich nicht mehr, ob ich schon so weit ausgekühlt bin, dass ich einer Fata Motrgana aufgesessen bin oder ob es Wirklichkeit ist: Ein vier Stockwerk hohes Haus thront über dem Gletscher.

Und tatsächlich: Das Teleobjektiv ist doch wirklich objektiv, oder? Es dürfte sich um die Rif. Casati (3266 m) am Langenferner Joch handeln.

 

Bild 38:

Zufallspitze

 

Bild 39:

Nun geht es rasch abwärts. Und in der Tat stoße ich kurz vor dem Plateau auf eine erkennbaren Pfad. Der offizielle Weg führt also nicht in der Direttissima hoch, so wie ich den Weg gewählt habe, sondern weit ausholend über die weniger steile Flanke. Hier ist der geschlossen schneebedeckte Teil der Route bereits wieder Vergangenheit und es beginnt der bequemere Teil des Abstiegs.

Der Ausläufer des Langenferners auf etwa 2800 m Höhe. Die Gletscherzunge hat eine kleine Endmoräne angehäuft. Zumindest dieser Gletscher scheint in letzter Zeit etwas vorgerückt zu sein.

 

Bild 40:

Langenferner

 

Bild 41:

Ein See, jetzt in voller Nachmittagssonne

 

Bild 42:

Blick nach Osten.

Der in der Bildmitte erkennbare Wasserfall wird vom Hohenferner gespeist.

 

Bild 43:

Überreste einer alten Almhütte?

 

Bild 44:

Schon kommen wir einen weiteren Wasserfall etwas näher

 

Bild 45:

 

Bild 46:

Bis hierher war Abstiegs- gleich Aufstiegsweg. Nun wird mir das zu dumm und an einer geeigneten Stelle steige ich weglos zum Plimabach ab. Weglos ist nicht ganz der richtige Ausdruck. Denn Kühe und Schafe haben gut gangbare Wege getrampelt.

So komme ich direkt an den Plimabach. Das Wasser ist leicht trübe, wie es für Gletscherbäche, die den feinen Gletscherabrieb mit sich führen, typisch ist.

 

Bild 47:

Bald komme ich an eine Stelle, an der ein Brücklein den Plimabach überquert, und ich nutze die Stelle, um auf die andere Seite zu gelangen, wo sich der nun deutlich erkennbare Weg mit dem Anstiegsweg zur Marteller Hütte vereinigt. Weiter geht es nun am Bach entlang, zum Teil in sehr sumpfigem Gelände, bis ich wieder bei der Trockenmauer gelandet bin.

Der namengebende (Zufallhütte) Wasserfall vom Hohenferner liegt jetzt bereits im Schatten.

 

Bild 48:

Der Abstiegsweg ist überraschend weit, aber auch sehr schön und abwechslungsreich.

Auf der anderen Seite wird die Zufallhütte wieder sichtbar.

 

Bild 49:

Das Plateau, auf dem die Zufallhütte sitzt; dahinter das Madritschtal und die Madritschspitze.

 

Bild 50:

Der Weg führt noch eine viertel Stunde weiter und schwenkt dann in den Wald ein. Dort verzweigt er sich, und mir ist nicht klar, welcher Weg wohin führt. Um der Gefahr auszuweichen, dass ich nicht mehr über die Schlucht auf die andere Seite komme, nehme ich den Weg, der Richtung Westen führt. Fast augenblicklich stellt sich das als zwar nicht schwerwiegender aber unnötig schweißtreibender Fehler heraus.

Nach kurzem, steilem Abstieg komme ich zwar an eine Brücke und habe mein Ziel erreicht, mich wieder auf der "richtigen" Seite des Baches zu befinden, aber im weiteren Verlauf führt der Weg wieder ansteigend nach Süden. Nach schier endlos erscheinenden Strecke mündet der Weg endlich, endlich wieder in den vom Morgen her bekannten Fahrweg ein.

Als ob die Natur meinen Unmut gespürt hätte, zeigt sich der Himmel nach diesem beschwerlichen Abstieg und kleinen Umweg am Schluss der Wanderung doch noch mit einem Regenbogen zur Versöhnung bereit.

 

Google-Earth:
Kartenausschnitt der Wanderregion